Die Münchner Konzertdirektion Hörtnagel

1927

Bereits im Alter von zwölf Jahren wusste Georg Hörtnagel: »Ich will ein Leben in der Musik.« Diesen Wunsch erfüllte sich der 1927 in München Geborene in doppelter Weise: Er bereiste mit seinem Kontrabass die ganze Welt und trat unter anderem mit dem Alban Berg Quartett, Martha Argerich, Gidon Kremer, dem Amadeus-Quartett und Benjamin Britten auf. Gleichzeitig gestaltete er als Konzertveranstalter über ein halbes Jahrhundert das Musikleben in München und Bayern.

Alban Berg Quartett
Alban Berg Quartett © Sheila Rock
1951

Aufbruch in die Musik

Im Allgäu aufgewachsen spielte er bereits in Kindertagen eine Vielzahl an Instrumenten, bis er mit 14 Jahren heimlich die Aufnahmeprüfung am Konservatorium in Augsburg machte und von da an Kontrabass studierte. Nach dem Krieg ging Georg Hörtnagel nach München, musizierte in Jazzkneipen und gewann schließlich das Probespiel an der Bayerischen Staatsoper unter Georg Solti. Neben der Position als Solobassist entwickelte er sich zunehmend zu einem international gefragten Kammermusiker – bis er 1967 aufgrund einer Handverletzung berufsunfähig wurde. Georg Hörtnagel gelang es trotz dieses Rückschlags, weiterhin »in der Musik zu leben«, indem er gemeinsam mit seiner Frau Elisabeth die von ihr gegründete Münchner Konzertdirektion ausbaute: Mit der Einladung namhafter Kammermusikensembles begründeten sie ein Kammermusikprogramm, das sich voller Zuspruch seitens des Publikums fest im Münchner Konzertleben etabliert hat.

Georg Hörtnagel
Georg Hörtnagel © Stephan Rumpf
1967

Erweiterung der Konzertdirektion

1967 übernahm die Münchner Konzertdirektion einen Großteil des russisch-deutschen Musikeraustauschs, und Georg Hörtnagel begann mit dem Aufbau einer Künstlervermittlung. Parallel dazu erweiterten die Hörtnagels nach und nach den Veranstaltungsbetrieb: Mit der Kammermusik als Zentrum wurde das Programm um Rezitale und Liederabende ergänzt. Außerdem wurden Symphoniekonzerte mit namhaften internationalen Orchestern veranstaltet, etwa mit den Berliner und Wiener Philharmonikern, der Sächsischen Staatskapelle Dresden, dem Gewandhausorchester Leipzig, dem Philharmonia Orchestra London sowie dem Chicago Symphony und dem Cleveland Orchestra. Herbert von Karajan war ebenso zu Gast wie Kurt Masur oder Claudio Abbado.

1970er

Neue Aufführungsorte

Die zunehmend umfassender gestalteten Programme erforderten ein waches Gespür für weitere Aufführungsorte: In München wurde das traditionsreiche Prinzregententheater in die Veranstaltungsplanung einbezogen. Auch in dem nur 400 Plätze umfassenden Bibliotheksaal eines Klosters im kleinen Ort Polling entdeckte Georg Hörtnagel bereits in den 1970er Jahren eine malerische Konzertkulisse – für junge Talente ebenso wie für musikalische Größen.

 

1980er

Musikalische Freundschaften

Künstler wie Arturo Benedetti Michelangeli und Svjatoslav Richter, die für ihre Eigenheiten berühmtberüchtigt waren, wurden über Jahrzehnte von der Münchner Konzertdirektion betreut. Vielen Musikerinnen und Musikern war Georg Hörtnagel Freund und Kollege, mit dem sich die Anspannung vor dem Konzert ebenso teilen ließ wie die darauffolgende Erleichterung. Mit Persönlichkeiten wie Maurizio Pollini, Martha Argerich, Anne-Sophie Mutter oder Krystian Zimerman verband ihn eine jahrzehntelange Freundschaft. Häufig waren große Musiker im Hause Hörtnagel zu Gast. Carlos Kleiber studierte dort gemeinsam mit Svjatoslav Richter das Dvorák-Klavierkonzert ein.

Arturo Benedetti Michelangeli
Arturo Benedetti Michelangeli © Siegfried Lauterwasser | DG
1980er

Künstlervertretung und Nachwuchsförderung

Auch wenn der Schwerpunkt der Künstlervermittlung bis in die 1980er Jahre auf russischen Künstlern lag, bedeutete dieser keine Ausschließlichkeit. Es war Elisabeth Hörtnagel, die die Begabung des Cellisten Yo-Yo Ma bereits sehr früh entdeckt hat, und auch Sir András Schiff, das ungarische Takács Quartett und Barbara Hendricks wurden von der Münchner Konzertdirektion vertreten. Sein ganzes Leben lang sah Georg Hörtnagel eine seiner schönsten Aufgaben darin, den musikalischen Nachwuchs aufzuspüren und damit die Musikszene auf anspruchsvolle Weise lebendig zu halten. Seinem Einschätzungsvermögen ist es zu verdanken, dass einer Reihe von jungen Künstlerinnen und Künstlern die Chance gegeben wurde, sich auf dem Podium zu behaupten. Zeugnis dieses einzigartigen Gespürs sind große Musikerkarrieren wie die von Julia Fischer, Daniel Müller-Schott, Arabella Steinbacher oder Lisa Batiashvili.

Yo-Yo Ma
Yo-Yo Ma © Jason Bell
Martha Argerich
Martha Argerich © Privat
2020

Fortführen der Tradition

Am 1. Mai 2020 ist Georg Hörtnagel im Alter von 93 Jahren in München verstorben. Über 55 Jahre prägte er als Impresario und Musikerpersönlichkeit unser Konzertleben maßgeblich. Bereits 2015 stellte das Unternehmen seine internen Strukturen neu auf, um die Erhaltung der Konzertdirektion mit ca. 50 Konzerten im Jahr zu sichern. Georg Hörtnagels Tochter Dr. Konstanze Hörtnagel, Sonia Simmenauer und Andreas Schessl sind seitdem bestrebt, das wertvolle musikalische Gut zu pflegen und erfolgreich in die Zukunft zu führen.